Die Enzyklopädie der Frauen

In Frankreich ist ein einmaliges Werk erschienen, der «Dictionnaire universel des créatrice femmes» Ich bin überzeugt davon, dass diese Enzyklopädie nur in Frankreich erscheinen konnte. Die Tradition der berühmtesten Encyclopédie von Diderot und d’ Alembert von 1772 wird hier weitergeführt. Dieses Mal werden ausschliesslich die Werke und Verdienste von Frauen beschrieben. Das dreibändige Werk wurde mir von einer guten Bekannten geschenkt, ich bin ihr sehr dankbar dafür. Es finden sich bekannte und berühmte Frauen darin, aber vor allem auch sehr viele vergessene Frauen, die noch entdeckt werden können. Diese Enzyklopädie umfasst 5000 Seiten mit 10’000 Artikeln und verschiedenen Indexes, die eine gezielte Suche ermöglichen (Infoflyer pdf).

Das Zitat in der Einleitung zeigt das Ziel der Enzyklopädie: «Le Dictionnaire universel des femmes créatrices est né de la volonté de mettre en lumière la création des femmes à travers le monde et l’histoire, de rendre visible leur apport à la civilisation.» Auch hier klingt wieder die «Aufklärung» an, diese Epoche wurde auch als «Zeitalter des Lichts» bezeichnet.

ausschnittDie Herausgeberinnen versammelten bekannte und weniger bekannte Frauen, die alleine oder zusammen mit anderen ihr Zeitalter mitgeprägt haben und neue Sichtweisen auf Erkenntnisse ihrer Zeit ermöglichen . Es werden Frauen aus allen Kontinenten und historischen Epochen und aus acht grossen Bereichen wie Kultur, darstellende Kunst, Geografie und Entdeckungen, Geschichte-Politik-Ökonomie, Literatur, Wissenschaft und Technik, Sozialwissenschaften und Sport vorgestellt.

Von der Frauenbewegung geprägt

Die drei Herausgeberinnen Mireille Calle-Gruber, Béatrice Didier und Antoinette Fouque sind bekannte Wissenschaftlerinnen – alle mit einem feministischen Hintergrund. A. Fouque ist eine Mitbegründerin des Mouvement de Libération des Femmes (1968), die  – in den 60iger und 70iger Jahre – wohl wichtigste neue Frauenbewegung Europas. Die Illustrationen zeichnete die bekannte Modeschöpferin und Designerin Sonia Rykiel.

Vier Frauen und das Theater

Ich habe erst etwas in dieser Enzyklopädie gestöbert, zuerst beeindruckt nur schon vom Umfang, dann aber macht es Spass einfach einige Seiten aufzuschlagen und auf Entdeckungen zu gehen. Ich habe für diesen Blogbeitrag zuerst etwas lokalpatriotisch drei Artikel (zwei Porträts und ein Themenartikel) die Schweiz betreffend und dann noch die erste Frau und die letzte Frau im Lexikon ausgewählt.

Anne-Marie Miéville (1945) aus Lausanne ist Filmemacherin, Schauspielerin und Schriftstellerin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit Jean-Luc Godard. Sie war über 20 Jahre seine Koautorin und Koregisseurin, realisierte aber auch eigene Filme, die als sehr anspruchsvoll und von einer grossen Singularität beschrieben werden. Der Artikel ist recht umfangreich und informativ und beleuchtet alle wichtigen Werke von Miéville.

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Installation von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger anlässlich der BUGA 2011 in Koblenz: Les envahisseurs! (Container gefüllt mit Pflanzen 2004; Leihgabe aus Genf). Wiki Commons

Gerda Steiner (Ettiswil 1967) ist Bildhauerin, die oft zusammen mit ihrem Partner Jörg Lenzlinger zusammen arbeitet. Ihre gemeinsamen Werke reflektieren die Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt. Die verschiedenen, teilweise sehr grossen Installationen werden ausführlich beschrieben. Bekannt wurden Steiner-Lenzlinger einem breiten Publikum durch ihr Werk «Wachstum und Zerfall» an der Expo 2002 in Murten in der Heimatfabrik. Ich erinnere mich gut daran, weil ich sehr beeindruckt von dieser ausufernden Installation war. Ausführlich werden die Stationen dieser spannenden Künstlerin verfolgt.

Theater Schweiz: Es werden nicht nur einzelne Frauen beschrieben, sondern auch bestimmte Themen wie zum Beispiel der Einfluss der Frauen bei der Entwicklung des Theaters in verschiedenen Ländern (von Albanien bis zur Ukraine). Dabei ist auch die Schweiz mit einem Artikel in der Zeit vom 20. Jh. – 21. Jh.. Im ersten Teil wird vor allem auf die Arbeit der «Association Femmes de théâtre» eingegangen, die es nur in der Romandie gibt. Besonders erwähnt wird das Schauspielhaus Zürich mit ihrer Leiterin Barbara Frey.

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Aino Aalto Glas (Foto: Raimo Miettinen). Wiki Commons

Aino Aalto (Helsinki 1894 – 1949) war eine bedeutende Designerin, Architektin und Fotografin. Sie hatte vor allem grosse Bedeutung in der Modernisierung der Innenarchitektur in den 20iger und 30iger Jahren und der Entwicklung von Gebrauchsmobiliar wie Spitalbetten, Nachttischen und stapelbaren Stühlen, aber auch unkonventionellem Geschirr wie Vasen, Gläser und Karaffen aus neuartigen Grundstoffen und ungewöhnlichem Design.

 

 

 

Radmila Zygouris wurde in Serbien geboren, sie ist Psychoanalytikerin. Sie wuchs in Deutschland auf, studierte in der Schweiz und in Argentinien und lebt heute in Brasilien. Sie veröffentlichte zahlreiche Werke, beispielsweise zusammen mit G. Raimbault «Corps de souffrance, corps de savoir» über vererbte Krankheiten und deren Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und ihre Eltern. Heute kämpft sie in Lateinamerika vor allem für den Umweltschutz und die Erhaltung der Biodiversität.

Diese wenigen Beispiele zeigen den Reichtum dieser Enzyklopädie, sie ist dazu noch sehr lesbar geschrieben, nicht nur in der üblichen trockenen Sprache von Lexikoneinträgen. Ich werde von Zeit zu Zeit in meinem Blog besonders interessante Entdeckungen aus diesem «Dictionnaire universel des Créatrices femmes» publizieren.

Béatrice Didier, Antoinette Fouque, Mireille Calle-Gruber (Hrsg.), Le Dictionnaire universel des créatrices, Paris, 2013.
Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.), Die Welt der Encylopédie, Frankfurt am Main 2001.

2 Gedanken zu „Die Enzyklopädie der Frauen“

  1. L’idée est très française; se référer à la grande tradition de l’illumination. Aber grundsätzlich ein schönes Vorbild für weitere weibliche Kunstbeiträge resp. Sammlungseditionen. ❤️

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