Das ist ein Zitat aus dem berühmten Essay von Susan Sontag «Über Fotografie» und irritierte mich, als ich es zum ersten Mal gelesen habe. Ich bin eine begeisterte Hobbyfotografin und zücke die Kamera gerne, knipse die verschiedensten Motive, meistens auf Reisen, aber immer auch in meinem Umfeld. Ich empfinde dabei keine Aggression. Fotografieren ist eine Form der unblutigen Jagd, man nimmt ein bestimmtes Motiv ins Visier, drückt auf den Auslöser und «schiesst» ein Bild. Das erlebe ich selber vor allem beim Fotografieren von Vögeln, ich warte auf den richtigen Moment, visiere mit dem Sucher und tippe auf den Auslöser in der Hoffnung ein gutes Bild (Beute) gemacht zu haben.
Die Kamera als Schutzschild
Sontag beschreibt diesen Vorgang in ihrem Text weitaus differenzierter, fast jeder ihrer Sätze ist zitierwürdig. Sie beschreibt auch das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen auftreten kann, die Kamera ist dann eine Art Schutz. Dazu Sontag: «Die meisten Touristen fühlen sich genötigt, die Kamera zwischen sich und alles Ungewöhnliche zu schieben, das ihnen begegnet.» und weiter: «Fotografien sammeln heisst die Welt sammeln». Sie schrieb das vor dem Zeitalter von Facebook, Instagram oder Snapchat. Gerade heute ist die Flut von Fotos, die wir in diesen sozialen Medien sehen können, inflationär. Die meisten haben ein Smartphone mit einer Kamera, das immer und überall dabei ist, deshalb wird schnell von fast allem ein Foto gemacht, seien es Landschaften, Katzen, Blumen, Essen. Ich nehme mich dabei nicht aus, auch ich «poste» hie und da ein Foto und hoffe auf viele «gefällt mir» von meinen «FreundInnen» in den sozialen Medien. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich eine spektakuläre Landschaft oder ein interessantes Gebäude vor allem als Kameramotiv sehe, statt es einfach anzusehen und in Erinnerung zu behalten. Durch das Foto versichern wir uns und anderen, dass wir da waren und etwas erlebt haben.
Warum ich Selfies nicht mag
Was ich nicht mag sind Selfies, sie haben etwas Egomanisches und passen deshalb gut in unsere Zeit der grassierenden Selbstdarstellung. Sich selbst zu knipsen gibt den FotografInnen die Macht über das eigene Bild und ermöglicht ihnen zu entscheiden wie sie sich präsentieren möchten. Die erfolgreichste Instagrammerin ist Selena Gomez, eine eher mittelmässige Schauspielerin und Sängerin, die ausschliesslich Selfies zeigt und damit 124 Millionen AbonnentInnen (Follower) für ihren Account gewinnen konnte, sie macht damit auch Produktewerbung und verdient pro Bild um die 550’000 Dollar. Susan Sontags Text mit ihren kritischen Reflexionen über Fotografie ist im Jahr 1977 erschienen, sie wusste noch nichts von Selfies. Abschliessend ein weiteres Zitat von ihr: «Fotografieren heisst sich das fotografierte Objekt aneignen, es heisst sich selbst in eine bestimmte Beziehung zur Welt setzen …»
Kolumne vom 27.7.2017 in der az Schaffhausen, hier als pdf-Version
Das ist ja mal ein informativer, sorgfältig mit Liebe zum Detail geschriebener Artikel. Vielen Dank! :)
Danke für die Blumen :-)