Dieses Sprichwort steht an einer Wand der Bibliothek Agnesenschütte. Es ist eine vorsichtige Formulierung über die Bedeutung des Lesens. Es heisst nicht «Lesen verhindert die Dummheit», sie gerät nur in Gefahr. Stimmt das wirklich? Es gibt oberflächliche und schlecht geschriebene Texte, die zu lesen reine Zeitverschwendung bedeuten. Aber fast jedes Buch, auch ein sehr mittelmässiges, kann anregend sein.
Kaum konnte ich das Alphabet einigermassen, ging ich mit meiner Mutter regelmässig in die Bibliothek. Meine Buchauswahl war sehr unsystematisch, ich las fast alles, was mir in die Hände kam. Die Bücher mussten spannend sein und mir ein interessantes Thema näher bringen. Wichtig war für mich auch die Möglichkeit, sich mit den Figuren – ob weiblich oder männlich – identifizieren zu können. Ich habe u.a. um die 60 Bände Karl Mey verschlungen, den «Trotzkopf» trotz des problematischen Frauenbildes (als Mädchen war Ilse noch rebellisch) und fast alle Enid Blyton Romane. Das sind nicht gerade literarische Highlights. Aber mit Winnetou begann ich mich für die Geschichte der Indianer zu interessieren. Mit Kara Ben Nemsi reiste ich durch den Orient und versuchte den Koran zu lesen, was mich überforderte. Blytons «fünf Freunde» überführten Kriminelle, spannend beschrieben. Krimis lese ich immer noch gerne, zahlreiche davon problematisieren aktuelle soziale, gesellschaftliche und politische Probleme und das durchaus literarisch gehaltvoll. Dazu gehören u.a. die Krimis von Leonardo Padura (Kuba), Deon Meyer (Südafrika) oder Petra Ivanow (Schweiz).
Ich würde nicht so weit gehen wie Alberto Manguel (Eine Geschichte des Lesens) der schrieb: «Das Lesen ist wie das Atmen eine essentielle Lebensfunktion.» Lesen ist eine der wichtigsten Kulturtechniken, aber nach wie vor gibt es weltweit über 780 Millionen AnalphabetInnen. Sie überleben ohne Lesen, allerdings meistens schlechter als Menschen, die Lesen lernen konnten.
Lesen kann subversiv sein. Als eine der ersten Aktionen liessen die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 überall in Deutschland Bücher verbrennen. Fast die gesamte Weltliteratur fiel dem Feuer zum Opfer. Heinrich Heine hat im 19. Jh. prophetisch geschrieben: «Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.» Pinochet in Chile verbot u.a. sogar den Don Quichote, weil dieses Werk die Autorität der Obrigkeit verneine und aktuell werden in der Türkei JournalistInnen und AutorInnen ins Gefängnis gesteckt. Lesen gefährdet nicht nur die Dummheit, sondern auch Diktaturen und Autokratien. Aber Lesen ist auch ein Vergnügen und eine Bereicherung. Ich könnte mir ein Leben ohne Lesen nicht vorstellen. Ein Zitat von Julian Barnes bringt es auf den Punkt: «Wer ein grossartiges Buch liest, flüchtet nicht vor dem Leben, sondern taucht tiefer ins Leben ein.» Der Text als pdf-Datei.
Bild zum Text: Das Märchenbuch von Walter Firle, Public Domaine