Eigentlich ist es nicht nur einer, sondern viele und ich habe sie nicht, ich beobachte Vögel. Seit ich mehr Zeit habe ist das eine neue Leidenschaft. Dafür gibt es Gründe, ich bin draussen in der Natur, muss achtsam und still beobachten und lerne viel über fremde Wesen, die uns aber überall begegnen. Begonnen habe ich mit meinem Hobby schon früher. Seit einigen Jahren verbringe ich Ferien an den verschiedenen Küsten der Bretagne, einem faszinierenden Vogelparadies, in dem eine grossartige Vielfalt von Wasservögeln zu entdecken ist.

Aber erst jetzt habe ich begonnen mit Bestimmungsbüchern, Vogelstimmenapps und Feldstecher genauer hinzuschauen und hinzuhören. Es braucht aber nicht unbedingt Küsten, der Wald in der Nähe oder ein Garten ermöglichen ebenfalls spannende Vogelbeobachtungen. Ich laufe jetzt langsamer und achtsamer durch den Wald oder schaue immer wieder aus dem Fenster in den Garten in der Hoffnung, Vögel zu sehen. Ich bin mit meiner Leidenschaft nicht alleine. Vögel zu beobachten ist ein Boom, Birdlife international ist die weltweit grösste Naturschutzorganisation. Alleine in den USA gibt es 60 Millionen BirdwatcherInnen, in der Schweiz sind 63’000 Mitglieder in 450 Sektionen organisiert. Auch ich bin unterdessen im regionalen Verein, dem Turdus Schaffhausen, dabei. Ein umfassender Vogelschutz ist sehr wichtig, laut dem Naturschutzbund Deutschland beträgt der Rückgang der Vögel in Europa 20 Prozent (400 Millionen) in den letzten 30 Jahren, sogar der Spatz gilt heute als gefährdet.

Es gibt zahlreiche bekannte VogelbeobachterInnen, wie den Schriftsteller Jonathan Franzen, dessen Hauptfigur im Roman «Freiheit» ist ein enthusiastischer Vogelschützer. Franzen selbst widmet seiner Vogelleidenschaft heute viel Zeit und erklärt dazu: «…Wenn ich losziehe, um neue Vogelarten zu beobachten, suche ich nach einer zumeist verlorenen Authentizität, nach dem Überbleibsel einer Welt, die jetzt grossteils von Menschen überlaufen ist.» In der Literatur von Monika Maron spielen Vögel immer wieder eine wichtige Rolle, in ihrem neusten Buch «Krähengekrächz» schildert sie ihre Bewunderung für Vögel so: «Denn eigentlich verkörpern die Vögel alles, was uns schön und edel erscheint: Grazie, Zartheit, Eleganz, Kraft, Eigensinn, Kühnheit, Skurriles wie Erhabenes. Vor allem aber Freiheit».
Meine Lieblingsvögel sind die zarten, hübschen Blaumeisen und die eleganten, frechen Elstern. Sie sind oft in meinem Garten zu sehen.

Am Stefanstag erlebte ich den Höhepunkt meiner bisherigen Beobachtungen. Ich fuhr an den Bodensee nach Moos bei Radolfzell. Es waren hunderte von Schwänen, Blesshühnern und Enten zu sehen und eine grosse Graureiherkolonie. Dann sah ich das erste Mal in der Natur einen Eisvogel. Ruhig sass er auf einem Schilfroh, farbenprächtig und einfach nur schön.
Der Text ist als Kolumne am 19. Januar 2017 in der az Schaffhausen erschienen ist, hier im PDF-Format.